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Mabruk! Lieber nackt als Fast Fashion – Ein Interview

Seit einer Weile geschieht an unterschiedlichen Locations Zürichs Wundersames: Zwischen inspirierenden Farbexplosionen und defilierenden Paradiesvögeln erfreuen sich die unterschiedlichsten Menschen an den hochwertigen Lieblingskleidern anderer. Die Wortheldin hat Lira getroffen – aufgewachsen im Südsudan und Kenia, welche mit dem Mabruk Kleiderschenkevent Menschen mit der gleichen Idee zusammenbringt. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass alle länger Freude an Kleidung haben und damit gleichzeitig ein Zeichen gegen Fast Fashion und den Überkonsum setzt.

Heute ab 14 Uhr findet der nächste Event im Olive-Ladencafé in Zürich statt. 

Hast du ein Lieblings-Kleidungsstück, ohne das du nicht leben kannst?

Hmm, da muss ich überlegen. Da mir nichts einfällt, denke ich nicht. Ich hab allerdings gerade eine Lieblings-Unterhose. 

Ach echt? 

Ist so eine nahtlose, die man unter allem tragen kann und nicht durchscheint. Sie ist von Calida und die Verkäuferin hatte behauptet, die Unterhose sei fairtrade. Ich bin einfach mega begeistert, denn sie ist schön geschnitten, sehr  bequem und passend. Allerdings hat das Kleidungsstück überhaupt keinen emotionalen Wert – aber es ist das, was mir als Erstes in den Sinn kommt. Vielleicht ist es auch einfach die nette Begegnung beim Kauf, die mir so gut in Erinnerung blieb.

Erzähle mir doch kurz – oder auch lang – die Geschichte, die dich zu deiner wunderbaren Idee des Mabruk Kleiderschenkevents brachte.

Ich kann es nicht an einem bestimmten Zeitpunkt festmachen. Es war mehr ein Prozess. Ich wuchs im Südsudan und in Kenia auf. Dort verbrachte ich bis sechzehn meine ganze Jugend. Das heisst, ich kam erst vor etwas mehr als 20 Jahren in die Schweiz zurück. Meine Kindheit und Jugend in Afrika waren sehr prägend. Im Südsudan machte ich sehr eindrucksvolle Erlebnisse in der Natur, ich sah wunderschöne Szenerien, wunderschöne Sonnenuntergänge und auch wunderschöne Menschen. Die Menschen um mich herum waren alle so kreativ, malten mit Henna, bastelten Schmuck und nähten viel. Und es wurde auch viel improvisiert, denn es gab an diesem abgelegenen Ort nur ganz wenig Läden und Einkaufsmöglichkeiten. 

«Es gab nie Probleme im eigentlichen Sinne, denn alle waren so kreativ und lebendig.»

Für mich als Kind war das natürlich wunderschön. Ich habe auch viele Erinnerungen an Situationen, die mit Kleidung zu tun haben. Zum Beispiel erschufen Afrikanerinnen aus nur einem Stück Tuch ganz unterschiedliche Kleidungsstücke, so geschwungen, gedreht, gebunden. Das heisst, du hast ein einziges Tuch und machst sieben verschiedene Dinge daraus – einmal ein Kopftuch, einmal einen BH und so weiter – das hat mich schon extrem fasziniert. Dasselbe gilt für die Farben dort. Ich bin ein sehr visueller Mensch – ich sehe viel Schönheit um mich herum. Und bin ich natürlich auch als kleines Kind aktiv in dieses kunstvolle Leben eingebunden worden, ich lernte, Schmuck herzustellen und aus Naturmaterialien verschiedene Dinge zu produzieren. Oder wenn ich mal Flip-Flops brauchte, es diese aber nicht in meiner Grösse gab, kauften wir diese viel zu gross und schnitten sie zurecht. Es gab nie Probleme im eigentlichen Sinne, denn alle waren so kreativ und lebendig. Die Leute fanden immer wieder die richtige Lösung, egal, was war. Das mit dem wenigen, das sie hatten.

Das alles hat für mich etwas mit Wertschätzung zu tun. Einerseits für Kreativität und Schönheit, andererseits für unterschiedliche Materialien. Dadurch, dass wir so abgelegen waren, so mitten in der Natur und man so selten Zusatzressourcen zur Verfügung hatte, verwendete man die Dinge, die da waren, und schätzte diese enorm. Zum Beispiel haben die Männer auch ihre strahlend weissen Hemden im Nil gewaschen, oder mit sehr mühsam abgepumpten Wasser, das sie zuerst auf dem Kopf nach Hause tragen mussten. Dann bügelten sie das mit dem Holzkohlebügeleisen – das strahlend weisse Hemd! Und das haben sie dann mit viel Stolz getragen. 

«Ich will die Wertschätzung, in der ich getränkt worden bin, auf das Leben hier übertragen.»

Das sind so schöne Menschen und so schöne Erinnerungen, die ich wie einen Print in mir herumtrage. Hier ist es anders: Wenn ich hier Flip-Flops kaufe, bin ich jetzt nicht so geflasht, weil es einfach so viel davon gibt. Man fragt sich dann meist nicht, was man tun kann, um die Schuhe möglichst lange behalten zu können. Wir leben schon ein wenig in einer Wegwerfgesellschaft. Ich will die Wertschätzung, in der ich damals getränkt worden bin, auf das Leben hier übertragen. 

Zwischenmenschlich fiel mir ebenfalls auf, dass man sich dort mehr Komplimente machte als hier. Nicht nur für Kleider oder das Äussere – aber auch. Wenn sich zum Beispiel jemand schön zurecht machte, fiel dann das Wort “Mabruk”. Das Wort wird für Gratulation benutzt, aber auch ganz häufig aus Ausdruck der Freude, wenn jemand etwas Schönes trug. 

Als ich nach Europa kam, war ich erst einmal eher ruhig und zurückgezogen. Als ich dann etwas auftaute, rutschten mir quasi automatisch die Komplimente raus. Dann merkte ich aber, dass das hier gar nicht so üblich ist. Es kommt hier eher selten vor, und viele Leute finden es seltsam. Heute bringe ich es vielleicht auch ein bisschen natürlicher rüber, denn die meisten freuen sich jetzt, wenn ich ihnen Komplimente mache.

«Du kannst jemandem Mabruk sagen, wenn er/sie gut kombinieren kann oder kreative Lösungen findet, zum Beispiel, um die Umwelt zu schonen. »  

Leider machte ich auch negative Erfahrungen, vor allem mit  Frauen – nicht unbedingt ich persönlich, sondern auch beobachtet, dass auch sehr viel Konkurrenz vorhanden ist und man sich Dinge gegenseitig nicht gönnt – sei es Kleidung, Erfolg oder Schönheit. Das machte und macht mich auch heute unglaublich traurig. Ich denke, Mabruk ist einfach so ein uplifting Wort, es ist so «Hey, herzlichen Glückwunsch, du bist toll, du bist schön» Du kannst jemandem Mabruk sagen, wenn er/sie gut kombinieren kann oder kreative Lösungen findet, zum Beispiel, um die Umwelt zu schonen.

«Du hat es vorher meine Idee genannt. Aber das Ganze lebt von den Leuten, die mitmachen. Daher ist es gar nicht unbedingt meine Idee. »

Ich habe vorhin so negativ dargestellt, dass hier alle zu einer Wegwerfgesellschaft gehörten. Das stimmt ja eigentlich nicht, es sind nicht alle, und man muss nicht alles perfekt machen. Ich hab grossen Respekt vor Menschen, die in diesem System hier versuchen, kleine Schritte zu machen. Diese Leute existieren, ansonsten wäre der Kleiderschenkevent nicht auf einmal so beliebt. Ich werde immer wieder für neue Locations angefragt, oder ob ich nicht im nächsten Monat wieder etwas machen könne. Für mich ist das teilweise fast etwas viel, eigentlich bin ich sehr introvertiert und es ist recht anstrengend. Darum wäre der Plan ursprünglich alle drei Monate gewesen, und jetzt ist es schon einmal im Monat.

Du hat es vorher meine Idee genannt. Aber das Ganze lebt von den Leuten, die mitmachen. Daher ist es gar nicht unbedingt meine Idee. Es interessiert offensichtlich sehr viele Leute. Daher habe ich immer ein bisschen Mühe damit, das anzunehmen und zu meiner Idee zu machen, denn offensichtlich haben diese auch viele andere Menschen. Und die wollen mitmachen. Darum ist es UNSERE Idee.

Da gebe ich dir absolut Recht und das hast du wunderschön zum Ausdruck gebracht. Vielleicht kannst du mir noch erzählen, wie es zum ersten Event kam? 

Ich arbeitete eine zeitlang in einer Boutique – gar nicht Fair Fashion, sondern eher sehr teuer, mit sehr schönen Kleidern, so ab CHF 500 aufwärts. Und wir mussten selber gewisse Kleidungsstücke kaufen und sie als Arbeitsuniform nutzen. Wir bekamen natürlich Rabatt – anyway, kurz gesagt: Ich trug die Sachen nachher nie mehr, da ich mehr so der Jeans- und T-Shirt-Typ bin. Die ganzen Sachen für hunderte von Franken, die ich mir mühsam erspart hatte, hingen dann einfach in meinem Kleiderschrank und ich fragte mich, was ich mit all den Kleidern machen sollte. Und der erste Event war tatsächlich dazu da – und darum betone ich immer wieder “hochwertige Kleider” – dass ich einfach all die Kleider verschenkte und Leute zu ermutigen, selber auch schöne Kleidung zu verschenken, sie sie einfach nicht mehr brauchten, um anderen Menschen eine Freude zu machen.

Es ist nicht Sinn der Sache,  nur den Personen, die sich es nicht nicht leisten können, Kleidung zu bieten. Die Idee des Mabruk – Kleiderschenkevents ist es, dass auch Menschen mit mehr Geld, die normalerweise keine gebrauchte Kleidung tragen, dies mal ausprobieren. Je mehr Leute kommen, desto grösser ist die Chance, dass für jede Person etwas dabei ist. Darum: gerne weitersagen. 

«Da ist einfach so viel Potenzial und Kreativität vorhanden. Die Leute kennen sich eigentlich gar nicht, und es entsteht gemeinsam so viel Wunderschönes.»

Der erste Event war im Hiltl in der Kochakademie. Eine sehr schöne Location. Darüber bin ich sehr glücklich, denn das Hiltl hat schon mehrmals gehostet, auch an der Langstrasse. Sie haben mir Kleiderständer ausgeliehen und unterstützten mich auch sonst grossartig: Die jüngste Tochter von Rolf Hiltl war auch schon Gastgeberin, weil ich nicht da war. Sie hat also als Sechzehnjährige das Ganze alleine geschmissen – sehr cool! Meine Mutter war dabei und fand es sehr schön! Es sei ganz liebevoll und im kleinen Rahmen gewesen und sie hatten sogar eine Modeberaterin engagiert, die den Gästen bei der Entscheidung unter die Arme griff.

Das ist mein Ziel. Dieses Gefühl der Wertschätzung. Darum wünsche ich mir auch, dass man kleine Schilder mit Botschaften in den Kleidern hinterlässt, die man verschenkt. So: «Okay, das war mal mein Lieblingskleid, es passt mir aber nicht mehr, darum schenke ich es jemandem, der wieder grosse Freude daran haben wird. » Die Person, die das Kleidungsstück mitnimmt, soll es so möglichst wertschätzen. Zumindest wünsche ich mir das von Herzen. 

Jetzt habe ich natürlich nicht mehr so viele teure Kleider zu verschenken. Aber es geht ja auch nicht um mich, sondern um alle, die kommen. Wenn man teure Kleidung hat, die man gerne verschenken möchte, gerne. Es geht eigentlich gar in erster Linie um teuer oder günstig, sondern um hochwertige Kleidung, also nichts Verzogenes, Löchriges. Es soll einfach für alle attraktiv sein. Ich würde jetzt auch ein H&M-Hemd nehmen, wenn es noch top aussieht. 

Was erfüllt dich besonders an deinem Herzensprojekt?

Ich habe beim letzten Event alles selber machen wollen: aufbauen, Kleider aufhängen, am liebsten auch noch beraten. Und dann habe ich gemerkt, dass ich nicht alles gleichzeitig kann. Ich entschied mich also beim letzten Mal dazu, die Verantwortung an Leute abzugeben, die gerne helfen, damit ich mich auf eine Sache konzentrieren konnte. Ich wusste auch: Die Fashion-Show am Schluss des Events war für mich der schönste Teil des Tages. Die Kollektion ist fliessend und unvorhersehbar, denn wenn neue Leute kommen, gibt es immer auch wieder neue Kleidung. 

Da ist einfach so viel Potenzial und Kreativität vorhanden. Die Leute kennen sich eigentlich gar nicht, und es entsteht gemeinsam so viel Wunderschönes. Die Fashion-Show ist wie die Spitze des Eisberges. Dort erlebt man, wie all die Leute, die sich vorher gar nicht kannten, das gleiche Ziel verfolgen: gemeinsam etwas zu bewegen. Darum ist das mein persönliches Highlight.

Du hast ein beachtliches Netzwerk aufgebaut – du findest immer wieder neue Leute, die mitmachen – wie bekommst du das hin? 

Ich hab eigentlich keine Ahnung, warum! Vielleicht ist es meine Erfahrung im Verkauf, aber eigentlich machte ich gar nie eine entsprechende Ausbildung. Was ich jedoch sagen kann: Ich bin eine sehr begeisterte Person. Und wenn ich begeistert bin, dann erzähle ich ganz natürlich, was meine Lieblingsprodukte und meine fantastischen Erfahrungen damit sind. 

In der Boutique sagte ich den KundInnen immer von Herzen, wie schön sie in den Kleidern aussahen. Und die Leute kauften dann prompt, obwohl das gar nie mein Ziel war. Ich wollte einfach meine subjektive Meinung zum Ausdruck bringen und meiner Begeisterung freien Lauf lassen. Die wird hier in Europa oft unterdrückt. Man will nicht auffallen, nicht zu laut lachen, nicht zu crazy aussehen und verhindern, dass jemand sich seine Sache denken könnte. 

Man kann auch nicht einfach jemanden “anspringen”. Zum Beispiel habe ich gestern einen jungen Mann angesprochen und ihn gefragt, ob er modeln würde – er meinte “nein, eigentlich nicht”, ich erklärte ihm dann, dass ich Leute für den Event suche, dann schrieb ich ihm und es kam zustande. Das braucht immer ein bisschen Mut und es funktioniert auch nicht jedes Mal, aber ich mache mit diesem Vorgehen eigentlich nur gute Erfahrungen. 

Ich hab auch gelernt, dass die Leute gerne bei etwas mitmachen und sich beteiligen wollen. Zum Beispiel im Hiltl, wo ich arbeite: die Leute sind da, wollen etwas Feines Essen und sie haben das Geld. Dann wäre es ja unsinnig, ihnen nichts vom Angebot zu erzählen. Wenn man eine echte Motivation hat, hat man weder was zu verstecken, noch was zu verlieren. Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein Nein zu kassieren. Und das ist auch okay, denn es hat nichts mit dir zu tun. Vielleicht hat die Person einfach keine Zeit, keine Lust oder andere Prioritäten. So what! 

Jetzt ist es Zeit für dein persönliches Statement – Was möchtest du der Welt mit auf den Weg geben?

Was mich aktuell beschäftigt: Warum kaufen wir überhaupt noch neue Sachen? Ich finde es im Grunde überhaupt nicht schlimm, Dinge zu kaufen. Ich habe auch nicht generell etwas gegen Impulskäufe. Aber ich glaube, es lohnt sich, hinzuschauen, warum ich Sachen kaufe. Brauche ich das wirklich? Das mag jetzt vielleicht oberflächlich klingen: Ich denke jedoch, gewisse Käufe kann man mit der Zeit durch andere gute Gewohnheiten ersetzen. Es ist wie beim Dessert essen: Es ist ja im Prinzip nichts Schlimmes. Aber wenn man es nur tut, um Probleme zu lösen, dann wird das vielleicht langfristig destruktiv. Den gleichen Eindruck habe ich auch bei Fashion. Man soll sich natürlich nicht den Spass verderben lassen. Immerhin ist es eine sehr kreative geschichte – die Farben, das Kombinieren, die Individualität. Aber wie alles kann das ins Negative kippen und es wird destruktiv. Und wenn dann von einer so grossen Gruppe von Menschen überkonsumiert wird, dann schadet es einem selber und der Umwelt. 

«Und sonst einfach: Mabruk! Dass man sich selber auf die Schultern klopft und sagt “Hey, ich bin jemand und ich brauche gar nicht so viel Markenkleidung, um toll zu sein”. »

Ich frage mich auch, wie man die jungen Leute, die so fest in unserer Konsumgesellschaft eingebunden sind, davon überzeugen kann, dass es okay ist, mal auszusteigen oder etwas Gebrauchtes anzuziehen. Ich bin voller Hoffnung, denn es kommen immer mehr junge Leute. Zum Beispiel war der Rapper Nemo da, es gibt sogar noch ein paar Kleidungsstücke von ihm. 

Wertschätzung ist mein Thema. Wertschätzung für andere, für die Natur und in erster Linie für sich selber. Wenn das nicht vorhanden ist, kann man auch nicht auf die Umwelt und sein Umfeld acht geben. Ja, das möchte ich der Welt mitgeben: Sich selber lieben, unbedingt! 

Neugierig geworden? Du möchtest mehr über den Mabruk Kleiderschenkevent wissen und daran teilnehmen? Dann folge Ihr auf Facebook und Instagram 

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Du möchtest auch ein Interview geben oder brauchst Tipps rund um die Kommunikation und Strategie? Dann kontaktiere mich gerne, ich freue mich riesig! 


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